LEBEN IM SCHATTEN DER MODERNE - ORTE DEREN ZEIT ABLÄUFT

4. & 5. Juli 2026 | Tankturm, Heidelberg

Die Kunst- und Fotoausstellung im Tankturm erkundet den apokalyptischen Charakter von Grenzen, mit besonderem Fokus auf ihre räumliche und zeitliche Dimension. Grenzen sind durch das kolonial-kapitalistische System definierte Orte, denen die Vertreibung von ursprünglichen Gemeinschaften und deren Sprachen und Kulturen sowie die Ausgrenzung von anderen Menschen innewohnen. Mit den kreativen Arbeiten der aktuellen CAPAS-Fellows Federico Cuatlacuatl und Luis Hernan durchbricht die Ausstellung mit (bewegten) Bildern apokalyptischer Erfahrungen die kolonialen Logiken, die unsere Vorstellung von alternativen Zukünften einschränken. Von der erzwungenen Vertreibung von Individuen bis hin zur Zerstörung von Ökosystemen, die durch utopische Versprechen gerechtfertigt werden, tauchen die Werke in die affektive Ebene der Apokalypse und die Schaffung von „Nicht-Orten“ ein, die als Tore zu anderen Welten fungieren. An der Grenze zwischen Mexiko und den USA angesiedelt, lädt diese immersive Ausstellung die Besucher*innen dazu ein, die Zukunft mit anderen Augen zu betrachten und macht gesellschaftlich relevante Forschung emotional erfahrbar und so einem breiten Publikum zugänglich.

Programm

Die oberste Etage der dreistöckigen Ausstellung ist leider nicht barrierefrei zu erreichen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Samstag

14:00 Uhr - Einlass
14:30 Uhr - Begrüßung durch Prof. Dr. Rober Folger (Direktor von CAPAS)
14:45 Uhr - Offene Ausstellung
15:30 Uhr - Geführte Tour durch die Ausstellung mit den Künstlern Federico Cuatlacuatl & Luis Hernan (Sprache: Englisch)
18:00 Uhr - Künstlerdialog mit Federico Cuatlacuatl, Luis Hernan und Adolfo Mantilla Osornio (Akademischer Koordinator der Mexikanischen Akademie der Künste) (Sprache: Englisch)
20:00 Uhr - Konzert mit Le Kukas (Einlass: 19 Uhr - Auf Spendenbasis)

Sonntag

11:00 Uhr – Offene Ausstellung
13:00 Uhr – Lesung mit CAPAS-Fellow Uzodinma Iweala aus United States of Ambivalence (Sprache: Englisch; Anmeldung erforderlich)
14:30 Uhr – Grenznarrative aus verschiedenen Teilen der Welt
17:00 Uhr – Ende der Ausstellung

LEBEN IM SCHATTEN DER MODERNE - ORTE DEREN ZEIT ABLÄUFT

Die Veranstaltung ist eine Kunst- und Fotoausstellung im Tankturm, die sich mit dem apokalyptischen Charakter von Grenzen, mit besonderem Fokus auf ihre räumliche und zeitliche Dimension, auseinandersetzt.

Grenzen sind Orte an denen Welten zu Ende gehen können und neue entstehen können. Auch sind sie Orte der Konfrontation an denen radikal unterschiedliche Realitäten aufeinandertreffen können. Heutzutage sind Grenzen oft durch das kolonial-kapitalistische System definierte Orte, denen die Vertreibung ursprünglicher Gemeinschaften sowie ihrer Sprachen und Kulturen sowie die Ausgrenzung anderer Menschen innewohnen. In den Worten der chicanx-Theoretikerin, Dichterin und Künstlerin Gloria Anzaldúa sind Grenzen der Ort, an dem „die Dritte Welt an der Ersten reibt und blutet. Und bevor sich ein Grind bilden kann, reißt die Wunde erneut auf“.

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In dieser gemeinsamen Ausstellung hinterfragen Federico Cuatlacuatl und Luis Hernan, zwei aktuelle Fellows des Käte Hamburger Kollegs für Apokalyptische und Postapokalyptische Studien, das Konzept von Grenzen, versuchen es aufzubrechen und die zugrundeliegende koloniale Logik aufzudecken, welche die Gegenwart prägt und die Vorstellungskraft für alternative Zukunftsvisionen einschränkt. Im Zentrum steht die Darstellung apokalyptischer Erfahrungen und apokalyptischer Räume in (Bewegt-)Bildern. Zum einen geht es um die Vertreibung (displacement) von Individuen und Gruppen aufgrund zwingender oder sich stark verändernder Umstände, die ein Bleiben in einem bestimmten Gebiet unmöglich machen. Zum anderen geht es um Räume die durch die Verdrängung anderer geschaffen bzw. verändert wurden und gleichzeitig „Nicht-Orte“ in dem Sinne sind, dass sie nur als ein Durchgangsort zu anderen Orten (bzw. Welten) dienen. Die Apokalypse zeigt sich auf der affektiven Ebene in Bezug auf Individuen und Gruppen, die gezwungen sind, Orte zu verlassen. Sie bezieht sich ebenso auf die Zerstörung von Orten mit dem utopischen Versprechen einer besseren Zukunft.

 

Die in dieser Ausstellung gezeigten Werke spiegeln die interdisziplinären Ansätze der Künstler wider, die sich den Themen Zeichnung, Fotografie und anderen Kunstformen nähern. Begleitet wird die Ausstellung von Vorträgen der Künstler und weiterer CAPAS-Wissenschaftler. Die Ausstellungsstücke von Federico Cuatlacuatl dokumentieren auf künstlerische und emotionale Weise überliefertes Wissen und rituelle Praktiken des prähispanischen und heute in Mexiko lebenden Volkes der Nahua, die trotzapokalyptischer Bedingungen, wie kolonialen Machtsystemen und -strukturen sowie erzwungener Massenmigration in die USA, bewahrt wurden. Thematisiert werden dabei zum einen der jahrhundertelange Widerstand der Nahua unter repressiven Bedingungen und zum anderen die grenzüberschreitende Weiterentwicklung der Überlebensstrategien des Volkes. In seinen Arbeiten schafft Federico Cuatlacuatl durch nicht-westliche Vorstellungen von Räumlichkeit und Zeitlichkeit alternative Realitäten, andere Welten und eine unter eigenen Bedingungen gestaltete andere Zukunft.

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Die Fotografien und Skizzen von Luis Hernan nähern sich der Schnittstelle von Schaffung und Zerstörung aus einer architektonischen Perspektive, die ästhetische Aspekte der Fotografie mit einbezieht. Utopische Narrative, die versprechen, das Leben technologisch zu verbessern, gehen einher mit einer gewaltsamen Zerstörung des Status quo. Als Beispiel dafür dient das texanische Dorf Boca Chica, wo das Unternehmen SpaceX seinen Weltraumbahnhof errichtet hat und so einen Ort geschaffen hat, an dem die Schaffung von Leben aus mythologischer Perspektive auf die Zerstörung desselben Orts trifft. Architektonische Stätten bilden dabei Orte, an denen Zeit sichtbar wird. Sie sind Orte, an denen vergangene Vorstellungen der Gegenwart konserviert sind und Zukunftsvisionen erkennbar werden. Sie sind Orte, an denen etwas zu Ende geht und etwas Neues beginnt.

„Wo die Dritte Welt an der Ersten reibt, blutet sie. Und bevor sich ein Grind bilden kann, reißt die Wunde erneut auf.“ – Gloria Anzaldúa

    Federico Cuatlacuatl und Luis Hernan verbindet das Interesse daran, zu verstehen, wie Grenzen zu Orten des Widerstands werden, zu Momenten der Schwebe, in denen der kapitalistische-koloniale Zeitfluss unterbrochen wird. Und welches Potenzial diese Momente des kurzzeitigen Stillstandes besitzen, um alternative Weltbilder und Wege, die Zukunft zu gestalten, zu ergründen. Die Ausstellung findet auf zwei Ebenen statt und lädt die Besucher*innen ein, auditorisch und visuell verschiedene Perspektiven der Apokalypse zu erfahren. Auf der einen Seite steht dabei die dem Begriff der Apokalypse anhaftende Konnotation der Zerstörung, auf der anderen Seite steht die ihr ebenfalls innewohnende Konnotation der Erkenntnis und ihr Potenzial, Neues zu gestalten. Der Tankturm Heidelberg bietet die Kulisse für eine immersive Erfahrung, die durch die klanglichen Eindrücke des Kurzfilms, die durch die Räumlichkeiten hallen, und die visuellen Eindrücke ermöglicht wird.

    Die Werke laden dazu ein, die Zukunft aus einer anderen Perspektive zu betrachten, indem man sich in Grenzbereiche begibt. Sie verkörpern das Verharren in diesen Grenzräumen und lassen die Logik von Ausbeutung und Gewalt in die Vorstellungswelt der Besiedlung anderer Planeten sowie in Endzeit-Erzählungen einfließen, mit denen die Zerstörung dortiger Landschaften gerechtfertigt wird.

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    Die Künstler

    Federico Cuatlacuatl

    Federico Cuatlacuatl ist Künstler und Associate Professor an der Kunstfakultät der Universität von Virginia in den USA. In seinem künstlerischen Schaffen beschäftigt er sich mit der Migration der Mitgleider der mexikanischen indigenen Gemeinschaft der Nahua, social art practice und kultureller Nachhaltigkeit. Aufbauend auf seinen eigenen Erfahrungen als Einwanderer ohne Papiere (sog. Dreamer) verbindet seine kreative Praxis Indigenität und Einwanderung. Im Mittelpunkt seiner jüngsten Forschung und künstlerischen Produktion steht die Schnittstelle zwischen grenzüberschreitender Indigenität, indigenen Migrantendiasporas und Nahua-Futurismen.

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    Federico Cuatlacuatl ist Mitbegründer des Kollektivs UNDOC+Collective und Gründer der Rasquache Artist Residency in Puebla, Mexiko. Federico Cuatlacuatl beschäftigt sich in seinen visuellen Arbeiten mit Migration und Vertreibung und lässt in diese Elemente der Selbsterhaltung, der Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln und des Widerstands einfließen. Auf diese Weise transportiert er indigene mexikanische Traditionen und Kultur in die Vereinigten Staaten und bekennt sich damit zu seiner Nahua-Abstammung, seinem Land und seiner Sprache. Als sog. Dreamer und Mitglied der Nahua-Gemeinschaft ist Federico Cuatlacuatl Werk geprägt von der kolonialen Marginalisierung und Entrechtung, denen indigene Gemeinschaften in Mexiko ausgesetzt sind, und ist gleichzeitig tief verwurzelt in den schwierigen soziopolitischen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten. Seine Arbeiten wurden weltweit auf internationalen Filmfestivals und in Ausstellungen gezeigt.

    Luis Hernan

    Luis Hernan ist Dozent für räumliche Erzählungen an der University of Sheffield. Sein Forschungsgebiet, das sich von den Digital Humanities hin zu den spekulativen Geisteswissenschaften entwickelt hat, ist von lateinamerikanischen Literaturtraditionen geprägt. In seiner Arbeit untersucht er die Schnittstelle zwischen Geschichten, Narrativen und Architektur als einen zentralen Faktor dafür, wie wir Architektur und städtische Räume bewohnen und verstehen. Besonderes Interesse gilt dabei den politischen, sozialen und räumlichen Dimensionen der Zukunft. Dabei analysiert er die Kontinuitäten von Imperium und Kolonialismus, die sich in Vorstellungen von Fortschritt, Moderne und Utopie widerspiegeln.

    Luis

    In den letzten Jahren hat sich Luis Hernan in seiner Arbeit auf Architektur und Infrastruktur in den Grenzregionen zwischen Mexiko und den Vereinigte Staaten konzentriert, wobei er sich von Utopien und dem Ende von Welten inspirieren lässt. Hernans Forschung ist transdisziplinär und verbindet kritische Theorie mit kreativer Praxis. Parallel zu seiner wissenschaftlichen Tätigkeit arbeitet er zudem als Fotograf, Dichter und Romanautor. Darüber hinaus engagiert er sich in einer Vielzahl feministischer und dekolonialer Initiativen.

    Der Tankturm

    1927 eröffnet, waren der Tankturm und das Betriebswerk ein millionenschweres Projekt Heidelbergs für den Technologiefortschritt. Die Dampflok als ein Zeichen des Anthropozäns und ein Wendepunkt der Menschheitsgeschichte wurde hier mit Wasser betankt und instandgehalten. 2026 ist von Dampflokomotiven nichts mehr zu sehen, nur der Tankturm steht noch immer an seinem alten Platz, neben den Bahnschienen, doch er erfüllt einen neuen Zweck. Als Veranstaltungsort verbindet er das Vergangene mit der Gegenwart, aus einem Durchfahrtsort für Maschinen ist er zu einem Begegnungsort für Menschen geworden. Symbolisch steht der Tankturm heute nicht mehr für den Fortschritt, wie noch 1927, sondern für ein vergangenes Zeitalter. Gleichzeitig ist etwas Neues aus den Überresten geworden: Das Ende wurde zu einem Neubeginn. So ist der Ort, wie vielleicht kaum ein anderer in Heidelberg, ein Symbol für die Apokalypse, wie wir sie am CAPAS verstehen: die Apokalypse nicht als das Ende der Welt, sondern als Ende einer Welt.  

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    Adresse:

    TANKTURM
    Eppelheimer Str. 46
    69115 Heidelberg